Die Frage

// Was habe ich denn davon? – Unterhaltung, vielleicht ein Déjà-vu …  Auf jeden Fall eine wichtige Frage, die man sich von Zeit zu Zeit stellen sollte. //

 

Am Abend vor dem ersten Modul ihres Entwicklungsprogramms studiert Marie noch einmal die Einladung. Sie hat an alles gedacht. Den Vorabfragebogen hat sie sofort beantwortet. Die vorbereitende Literatur kannte sie zum Teil schon. Die übrigen Artikel hat sie nebenbei in der U-Bahn gelesen. Das Entsendungsgespräch mit ihrer Führungskraft hatte sie gestern zwischen Tür und Angel. Es ist gerade kein guter Zeitpunkt, an dem Training teilzunehmen. Eigentlich hat sie keine Zeit dafür. Doch insgeheim hofft sie auf eine willkommene Ablenkung. Ist doch in der letzten Woche bekannt geworden, dass ihr Team als einziges die Quartalsziele nicht erreicht hat.

Im Unternehmen reden alle, dass sie ihre Leute nicht im Griff hat. Viel zu freundlich soll sie sein und den Sprung vom Kollegen zur Führungskraft nicht geschafft haben. Gleichzeitig heißt es im Flurfunk, dass sie kurz vor einem Burn-out stünde. Kein Wunder, wenn sie alle Arbeiten selbst erledigt. Marie hat das Gefühl, alle zu enttäuschen – am meisten sich selbst. Sie war doch immer erfolgreich. Warum jetzt nicht mehr?

Wie immer in letzter Zeit kommt Marie zu spät und platzt schweißgebadet mitten in die Vorstellungsrunde ihres Trainings. Was für ein Einstieg!

Das erste Modul dreht sich um die eigene Standortbestimmung und die Rolle als Führungskraft. Der gesamte Lehrgang wird von einem Reflection-Guide begleitet. Diese Person soll dabei unterstützen, den Lerntransfer zu sichern, und steht in den kommenden Tagen sowie zwischen den Modulen zur Verfügung. Mit dem Reflection-Guide soll man Problemstellungen und Herausforderungen aus dem Arbeitsalltag reflektieren und Lösungen erarbeiten.

Nach dem Seminar geht Marie zu ihrer ersten Reflection-Session. Auf sie wartet Patrick, der bereits das gesamte Seminar im Hintergrund begleitet hat. Er wirkt seriös und vielleicht etwas zugeknöpft, aber in seinen Augen funkelt Wohlwollen.

Marie beginnt ihre Geschichte zu erzählen und gerät vom Hundertsten ins Tausendste, bis Patrick sie unterbricht. „Worüber genau willst du sprechen? Das sind sehr viele Themen, die du ansprichst, aber jedes endet bei dem Punkt deines Teams. Sollen wir uns damit beschäftigen?“ Marie kann diese Frage mit einem klaren Ja beantworten. Dann fordert Patrick sie auf, sich vorzustellen, wie die Situation in ihrem Team aussehen würde, wenn alle Probleme gelöst wären – ihr Ziel in der Angelegenheit. Sie erzählt ihm von den nicht erreichten Quartalsvorgaben. Nach kurzer Überlegung war es Marie ganz klar: „Ich will motiviert arbeiten und mit meinem Team gemeinsam erfolgreich sein.“ Sie schreibt ihr Ziel auf. Das Gespräch geht weiter. Patrick stellt einige Fragen und Marie antwortet. Marie wird mittlerweile unsicher, wie ihr das alles weiterhelfen soll. Ihrem Ziel ist sie noch kein Stück näher gekommen. Sie blickt auf die Uhr. Nur mehr zehn Minuten, dann ist die erste Session vorbei und sie hört Patrick fragen: „Marie, was trägst DU dazu bei, dass ihr als Team eure Ziele nicht erreichen könnt?“

Was ist das für eine Frage? Marie fühlt sich angegriffen. Was soll SIE schon beitragen? SIE will nur das Beste für alle! Fast wäre das ihre Antwort gewesen, doch dann hält Marie inne. Sie wiederholt die Frage noch einmal für sich. Plötzlich fällt es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie will nur das Beste für alle. In den letzten Wochen war sie mehr eine Kollegin als eine Führungskraft. Wenn ihre Mitarbeiter Aufgaben nicht ordnungsgemäß erledigt haben, hat sie diese eben selbst gemacht. Keiner ihrer Mitarbeiter hat wirklich etwas dazu beigetragen, die Ziele zu erreichen. Die Motivation im Team ist quasi nicht mehr vorhanden. Es gab keine Konsequenzen. Dennoch hat sie ihr Verhalten nicht verändert. Eigentlich weiß sie das doch besser.

Die Session ist zu Ende. Patrick fordert sie auf, über diese Frage nachzudenken, um sie in der morgigen Session weiter zu besprechen.

Die Frage hallt in ihrem Kopf nach: „Was trage ICH zu dieser Situation bei?“

Marie geht nach Hause. Wie das Leben manchmal so spielt, summt ihr aus ihren Kopfhörern Michael Jacksons Hit „Man in the Mirror“ entgegen.

 

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